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Lesbisch-schwule Geschichte in Ludwigshafen

Schwule Geschichte im Rhein-Neckar-Raum
10. Juli 2017
Subkultur in Ludwigshafen
10. Juli 2017

Spurensuche & Fundstücke

Die Situation der Homosexuellen – im Spannungsfeld zwischen Verfolgung und Emanzipation – steht in engem Zusammenhang mit allgemeinen gesellschaftlichen Veränderungen bzw. mit sozialen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Strömungen. Auch Einzelereignisse, engagierte Persönlichkeiten, Filme oder Musiktitel haben häufig dazu beigetragen, Veränderungsprozesse auszulösen.

Wenn man heute die lesbisch-schwule Szene im Rhein-Neckar-Gebiet betrachtet, so fallen zunächst die Angebote in der „Schwesterstadt“ Mannheim ins Auge. Es entsteht der Eindruck, dass sich das „queere Leben“ schon immer auf der rechten Rheinseite konzentrierte. Eine erste Bestandsaufnahme historischer Quellen zeigt, dass das nicht immer so war und belegt bemerkenswerte Aspekte einer Ludwigshafener „lesbisch-schwulen Stadtgeschichte“.

Frühe Zeugnisse / Kaiserreich

Von Sünde und Vergehen zum Tabubruch und Widerstand

1796 Der offen homosexuelle Schauspieler, Dramatiker und Theaterdirektor August Wilhelm Iffland (1759-1818)
heiratet die Kammerjungfer Louise Margarete Greuhm aus Oggersheim, hält aber die Beziehung zu seinem
Geliebten Georg Schreiber aufrecht.

1897 Amandus Korn (1855-1928), Bahnverwalter und Schriftsteller aus Ludwigshafen, unterzeichnet die Petition an die gesetzgebenden Körperschaften des deutschen Reiches zur Streichung des § 175 aus dem Strafgesetzbuch.

Weimarer Republik

In den „Goldenen Zwanzigern“ ist nicht alles Gold, was glänzt

1920er/Anfang 1930er Jahre In Zeitschriften für Homosexuelle, die im deutschsprachigen Raum erscheinen, inserieren u. a. auch Männer aus der Pfalz und der Region, um der Einsamkeit zu entrinnen und mit Gleichgesinnten in Kontakt zu kommen.

Nationalsozialismus

Vom Vorurteil zum Vernichtungsurteil

1934 Die Denunziation einer lesbischen Frau, die mit ihrer Lebensgefährtin in Ludwigshafen zusammenlebt, bleibt bei der Gestapo 1934 ohne Folgen. Aufgrund kritischer Äußerungen, Adolf Hitler und Ernst Röhm betreffend, wird jedoch ein Strafverfahren gegen die Frau eingeleitet, das später eingestellt wird.

1933-1945 Homosexuelle Männer werden gezielt verfolgt und verhaftet. Im Rahmen des Forschungsprojekts „Namen und Gesichter“ hat der Historiker Rainer Hoffschildt bisher 22 NS-§ 175-Opfer mit Bezug zu Ludwigshafen am Rhein ermittelt. 12 von ihnen kamen in ein KZ und je 4 in die Emslandlager und in das Lager Rodgau. Von den 22 Männern hatten mindestens 10 ihren letzten Wohnsitz in Ludwigshafen und davon sind mindestens 4 während der Verfolgung verstorben.
Der in Ludwigshafen geborene Heinrich Habitz (1908-1943) kämpft um ein selbstbestimmtes Leben als Frau, geht nach Hamburg und nennt sich Liddy Bacroff. 1943 wird er im KZ Mauthausen ermordet. Der in Ludwigshafen aufgewachsene Leo Josef Hoffmann, der ebenfalls nach Hamburg zieht, wird 1942 im Totenbuch des KZ Neuengamme verzeichnet, nachdem er in der Tötungsanstalt Bernburg ermordet wurde.

Nachkriegszeit in der BRD bis 1969

Der Krieg ist zu Ende, die Verfolgung geht weiter

1945-1969 Wie alle anderen Häftlinge werden homosexuelle Männer zunächst aus den KZ befreit. Danach werden sie jedoch weiter verfolgt und teilweise wieder inhaftiert, denn nach wie vor gilt das NS-Totalverbot homosexueller Handlungen unter Männern. Auch in Ludwigshafen werden Männer verurteilt, deren Schicksal im Rahmen der Ausstellung erforscht wird. Die Aufhebung dieser Urteile erfolgt 2017.

1950er Jahre Die in Chemnitz geborene Elisabeth Schmidt (1928-2006) zieht nach Ludwighafen und lebt fortan zurückgezogen mit ihrer Lebensgefährtin in der Metropolregion. Nach dem Tod der Partnerin gewährt sie erstmals einen Einblick in ihre Gefühls- und Gedankenwelt.

1962 In Ludwigshafen wird das erste von mehreren Lokalen für Homosexuelle eröffnet, die bis in die 1980er Jahre zu den beliebtesten Treffpunkten in der Rhein-Neckar-Region und weit über deren Grenzen hinaus zählen.

Ab 1969

Neuer Aufbruch zur Gleichstellung und Emanzipation

1971 Zwei Filme des Regisseurs Rosa von Praunheim erregen große Aufmerksamkeit und lösen gesellschaftliche Debatten aus: der Dokumentarfilm „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ und der Trash-Film „Die Bettwurst“. Dietmar Kracht (1941-1976), der zuvor in Ludwigshafen lebte, spielt im ersten Film eine Nebenrolle und im zweiten die Hauptrolle.

1975 Der in Ludwigshafen geborene Hans-Joachim („Napoleon“) Seyfarth (1953-2000) gründet die Schwule Aktion Mannheim (SchAM). Seyfarth zieht dann nach Berlin und erlangt als Autor, Schwulen- und AIDS-Aktivist deutschlandweite
Bekanntheit.

1980er Jahre Die in Ludwighafen gegründete Gruppe „Männer helfen Männern“ wird vorübergehend zu einer Anlaufstelle für nicht-schwule und schwule Männer mit einem Beratungsbüro in LU-Hemshof.

1986-1999 Auf der Suche nach der eigenen Identität und einem Raum für Treffen mit Gleichgesinnten etablieren zwei lesbische Frauen im Frauencafé Ludwigshafen einen Lesbentreff mit Beratungsangeboten, Bistroabenden und monatlichem Austausch.

2001 Die Stadtverwaltung Ludwigshafen leistet ihren Beitrag dazu, dass sich homosexuelle Menschen in Ludwigshafen und der Region willkommen fühlen: Auf dem Standesamt können eingetragene Lebenspartnerschaften begründet werden.

2003 Die Atlantis-Sauna im Stadtteil Rheingönheim im Süden Ludwigshafens wird eröffnet und hat sich mittlerweile als „Wellness-Oase“ für schwule Männer aus nah und fern fest etabliert.

2003-2008 Der schwule Chor „RosaKehlchen“, dessen Mitglieder aus der gesamten Rhein-Neckar-Region kommen, probt in dieser Zeit in der katholischen Herz-Jesu-Kirche in Ludwigshafen-Süd – und umrahmt dort auch kirchliche Veranstaltungen.

2009 Die AIDS-Hilfe Arbeitskreis Ludwigshafen e. V. wird von betroffenen und nicht betroffenen Menschen gegründet, um HIV-Infektionen und der Immunschwäche AIDS entgegenzuwirken.
Die Freizeitgruppe Gay & Grey Rhein-Neckar wird gegründet – ein offener Treff für ältere schwule Männer. Nach dem Motto: „Wir sind zwar grau, gehören aber nicht zum alten Eisen!“ werden gemeinsame Kino-, Theater-, Konzert- und Ausstellungsbesuche, Wanderungen oder Ausflüge organisiert.

2014 Die Stadt Ludwigshafen informiert auf ihrer Website über das Thema „Queere Lebensweisen“ und richtet sich damit speziell an Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle und Intersexuelle – mit dem Verweis auf Anlaufstellen, Initiativen, Vereine, Bars, Clubs und Veranstaltungen in der Metropolregion Rhein-Neckar.

Autor*in

Wolfgang Knapp M. A., freier Kulturwissenschaftler und Kunsthistoriker. Zunächst tätig als Museumswissenschaftler sowie im Kunst- und Auktionshandel. Seit 2004 freiberufliche Tätigkeit als Kurator und Autor in den Bereichen: Regionalgeschichte, Alltagskultur, Körperbilder, Modegeschichte.

www.kulturgut-service.de

Bildnachweis: 1) privat 2) Schwules Museum Berlin 3) Staatsarchiv Hamburg 4) Staatsarchiv Hamburg 5) SPARTACUS (International Gay Guide), 1976 6) Schwules Museum Berlin 7) privat