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Über die Herausforderung, einer historischen Biographie gerecht zu werden

Mehr als 100 Jahre nach ihrer Geburt in Ludwigshafen am Rhein wurde Liddy Bacroff alias Heinrich Habitz erstmals durch die Historiker Rosenkranz/Bollmann/Lorenz wieder in das Bewusstsein von Leser*innen und Ausstellungsbesucher*innen gerückt.

Wie durch eine schicksalhafte Kettenreaktion folgten auf die 2006 gestartete Initiative „Gemeinsam gegen das Vergessen-Stolpersteine für homosexuelle NS- Opfer“ eine Reihe von Würdigungen durch einen Ausstellungsband[1], Veröffentlichung biographischer Notizen mittels einer Audiodatei (Bundeszentrale für politische Bildung)[2] sowie die Hervorhebung in einer Ausstellung in der Heimatstadt Ludwigshafen („Vom anderen Ufer? Lesbisch & schwul, BTTIQ in Ludwigshafen“ Stadtmuseum Ludwigshafen 2015/2016) bis hin zu einem auf biographischen Notizen basierenden Theaterstück[3].

Trotz der grundsätzlich positiven Wirkung, dass somit aus einem persönlichen Schicksal eine historische Persönlichkeit gleichsam „erschaffen“ wurde, stellen all die verschiedenen Vorhaben für die Beteiligten eine große Herausforderung dar.

Im Fall von Liddy Bacroff  liegen glücklicherweise zahlreiche Quellen in Form amtlicher Archivalien und privat verfasster Texte vor. Jedoch gilt es hierbei auch immer, diese so einzusetzen und letztendlich durch den Rezipienten so zu interpretieren, dass sie der Person gerecht werden.

Hätte die transsexuelle Liddy sich genauso dargestellt oder hätte sie persönlich andere Aspekte ihres Lebenswegs hervorgehoben? Diese Frage können Historiker*innen, Ausstellungsmacher*innen, Theaterleute und Journalist*innen nicht beantworten. Das Stadtmuseum Ludwigshafen ist aber dankbar dafür, dass es mit der freundlichen Unterstützung zahlreicher Initiativen nachdrücklich auf ein in Vergessenheit geratenes Ludwigshafener Einzelschicksal aufmerksamen machen konnte, dass auch gerade zu Beginn der 21. Jahrhunderts aktuell ist und berührt und von einer gesamtgesellschaftlichen Relevanz ist.

Wir können heute die Persönlichkeit einer historischen Person wie Liddy Bacroff nicht mehr zu 100% nachbilden. Dieses Schicksal kann aber als Inspiration und Ermahnung für den aktuellen und zukünftigen Umgang mit Andersliebenden und Andersfühlenden betrachtet werden.

 

[1] Bernhard Rosenkranz/ Ulf Bollmann/ Gottfried Lorenz: Homosexuellen-Verfolgung in Hamburg 1919 – 1969, Hamburg 2009.

[2] http://guidemate.com/station/Heinrich-Habitz-gen-Liddy-Bacroff-511a5fcce4b0c61369e0780a

[3]  „Will flirten, toben, schmeicheln. Lasst mich – ich bin Liddy!“ Theater Oliv Mannheim, Premiere 2016.

Weiterführender Link:

Liddy Bacroff

Autor*in:

Dana- Livia Cohen M. A. ist Historikerin und seit 2005 im Ausstellungswesen tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen vor allem im Vermitteln und Vermarkten von Kultur und Kunst. Beim Ausstellungs- und Webprojekt „Vom anderen Ufer?“ war sie als Projektassistentin für Recherchen, Projektkoordination und Öffentlichkeitsarbeit zuständig.